Vogelfotografie im Herbst und Winter
Spannende Motive am Futterplatz
Ein eigener Futterplatz im Wald oder an Waldrändern ist besonders im Herbst und Winter ein Vogelmagnet mit vielen, tollen Motiven.
Titelbild: Haubenmeise — J. Gebhardt
Vogelfotografie im Winter – spannende Motive am Futterplatz
Ein eigener Futterplatz im Wald kann im Winter zu einem der zuverlässigsten Plätze für die Vogelfotografie werden. Statt stundenlang nach einzelnen Vögeln zu suchen, konzentriert sich das Geschehen auf einen überschaubaren Bereich. Wenn Standort, Ansitz und Hintergrund stimmen, entstehen dort sehr natürliche Aufnahmen – und das oft ganz bequem aus dem Auto.
Besonders praktisch ist ein Futterplatz an einem alten Baumstumpf in der Nähe eines Parkplatzes oder eines erlaubten Fahrwegs. Liegt der Stumpf ungefähr auf Höhe des Autofensters, hast Du fotografisch fast ideale Bedingungen: Du kannst aus einer niedrigen Perspektive arbeiten, bleibst für die Vögel relativ unauffällig und hast auch bei schlechtem Winterwetter einen geschützten Ansitz.
Wichtig ist allerdings: Ein solcher Futterplatz funktioniert nur, wenn er zuverlässig gepflegt wird. Wer nur dann Futter auslegt, wenn er fotografieren möchte, wird häufig lange warten müssen.
Kernbeißer
Canon R7, Sigma Sports 60-600 mm @600 mm, f/6,3, 1/400 s, ISO 1.250
Der Standort entscheidet
Ein alter Baumstumpf ist für einen winterlichen Futterplatz fast ideal. Er sieht natürlich aus, bietet verschiedene Strukturen und lässt sich hervorragend in die Bildgestaltung einbeziehen.
Besonders interessant wird es, wenn der Standort vom Auto aus gut einsehbar ist. Liegt der Baumstumpf auf ungefähr gleicher Höhe wie das Seitenfenster, fotografierst Du die Vögel fast auf Augenhöhe. Das wirkt meist deutlich natürlicher als ein Bild, bei dem Du von oben auf das Motiv herabschaust.
Achte außerdem auf den Hintergrund. Hinter dem Stumpf sollte möglichst etwas Abstand zu Bäumen, Büschen oder anderen Strukturen liegen. Mit 400, 500 oder 600 mm Brennweite wird daraus schnell ein angenehm weicher Hintergrund.
Ein unruhiger Parkplatz, Verkehrsschilder oder helle Flächen direkt hinter dem Futterplatz sind dagegen weniger günstig. Schon beim Aufbau lohnt sich deshalb ein Blick durch die Kamera.
Im Wald gilt natürlich: Bevor Du einen Futterplatz einrichtest, solltest Du den zuständigen Förster oder Waldbesitzer um Erlaubnis fragen. Das gilt umso mehr, wenn Du regelmäßig Futter ausbringen oder dort häufiger mit dem Auto fotografieren möchtest.
Kleiber
Canon R7, Canon RF 200-800 mm @800 mm, f/9, 1/400 s, ISO 1.600
Regelmäßiges Füttern ist der Schlüssel
Der entscheidende Punkt bei einem Fotofutterplatz ist Kontinuität.
Wenn Du heute Futter auslegst und erst zwei Wochen später wiederkommst, kannst Du nicht erwarten, dass innerhalb weniger Minuten zahlreiche Vögel erscheinen. Die Tiere müssen den Platz erst entdecken und lernen, dass dort regelmäßig Nahrung zu finden ist.
Deshalb sollte der Futterplatz auch dann versorgt werden, wenn Du gerade nicht fotografieren möchtest.
Mit der Zeit entsteht eine feste Routine. Meisen, Kleiber, Finken und andere Vögel kontrollieren den Platz regelmäßig. Wenn Du dann zum Fotografieren kommst, beginnt der Betrieb häufig schon nach kurzer Zeit.
Das erspart Dir unter Umständen stundenlanges Warten.
Gerade im Winter kann ein gut eingeführter Futterplatz erstaunlich lebendig werden. Kaum ist Futter vorhanden, wechseln sich verschiedene Arten ab, und manche sitzen nur wenige Meter vom Auto entfernt.
Gartenbaumläufer
Canon 7D MK II, Tamron G2 150-600 @600 mm, f/6,3, 1/1.500 s, ISO 640
Das Auto als komfortables Tarnzelt
Das Auto ist für solche Situationen hervorragend geeignet.
Viele Vögel reagieren auf ein stehendes Fahrzeug deutlich entspannter als auf einen Menschen, der sich offen bewegt. Wenn Du ruhig sitzen bleibst, wird das Auto nach kurzer Zeit zu einer Art Tarnzelt.
Und im Winter hat es noch einen weiteren Vorteil: Es ist bequem.
Du sitzt trocken, bist vor Wind geschützt und kannst bei längeren Wartezeiten sogar die Heizung nutzen – natürlich nicht dauerhaft mit laufendem Motor am Standort.
Gerade wenn Du mehrere Stunden fotografierst, ist dieser Komfort nicht zu unterschätzen. Statt auf kaltem Boden zu sitzen oder in einem engen Tarnzelt auszuharren, kannst Du Dich im Auto relativ frei bewegen und Deine Ausrüstung griffbereit halten.
Auch Objektivwechsel, Akkus oder Speicherkarten sind deutlich angenehmer zu handhaben.
Schwere Objektive? Hier kein großes Problem
Ein solcher Fotoplatz ist außerdem ideal für schwere Teleobjektive.
Ein 600 mm f/4 bietet hervorragende Freistellung und viel Licht, bringt aber auch ordentlich Gewicht mit. Bei längeren Wanderungen ist so ein Objektiv alles andere als bequem.
Am Auto spielt das kaum eine Rolle. Das Objektiv muss nur wenige Meter bewegt werden und kann anschließend stabil aufgelegt werden. Damit lassen sich auch schwere Kombinationen über längere Zeit komfortabel einsetzen.
Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Sehr praktisch ist ein spezielles Autostativ beziehungsweise eine Fensterhalterung. Damit lässt sich ein schweres Tele stabil am geöffneten Seitenfenster befestigen.
- Noch einfacher ist ein Bohnensack. Er wird auf die heruntergelassene Scheibe beziehungsweise den Fensterrahmen gelegt, und das Objektiv liegt stabil darauf.
Auch andere weiche Unterlagen können funktionieren, solange Kamera und Objektiv sicher liegen und nichts verrutschen kann.
Ein Bohnensack hat noch einen weiteren Vorteil: Du kannst die Kamera schnell bewegen und unterschiedliche Ansitze am Futterplatz anvisieren.
Eichelhäher
Canon RP, Tamron G2 150-600 @600 mm, f/6,3, 1/640 s, ISO 1.600
Es muss aber kein 600 mm f/4 sein
Natürlich brauchst Du für einen Futterplatz kein Profiobjektiv.
Ein 100–400 mm, 150–600 mm oder ähnliches Telezoom ist oft sogar flexibler. Da der Abstand zum Futterplatz bekannt ist und sich relativ gut planen lässt, kannst Du den Standort so wählen, dass Deine vorhandene Brennweite optimal funktioniert.
400 mm können bereits völlig ausreichend sein.
Mit 500 oder 600 mm bekommst Du engere Porträts und kannst kleinere Arten sehr schön freistellen.
Der große Vorteil des Zooms: Wenn plötzlich ein größerer Vogel nah am Stumpf landet, kannst Du schnell herauszoomen.
Sumpfmeise
Canon R7, Canon RF 200-800 mm @800 mm, f/9, 1/1.000 s, ISO 3.200
Welche Arten kannst Du erwarten?
Ein Wald-Futterplatz kann im Winter eine erstaunliche Vielfalt an Arten anziehen.
Typische Besucher sind:
Kohlmeise, Blaumeise, Tannenmeise, Haubenmeise und Kleiber. Auch Buchfinken, Grünfinken, Gimpel oder Kernbeißer können auftauchen.
Je nach Standort kommen weitere Arten hinzu:
Rotkehlchen, Heckenbraunelle oder Zaunkönig suchen häufig eher am Boden nach Nahrung.
Buntspechte nutzen gerne Baumstämme und größere Äste. Gerade sie sind an einem alten Baumstumpf sehr attraktive Motive.
Auch Eichelhäher können regelmäßig erscheinen. Sie sind allerdings deutlich vorsichtiger und beobachten die Umgebung häufig lange, bevor sie sich an das Futter wagen.
Im Winter kommen zusätzlich Arten hinzu, die Du im Sommer vielleicht seltener bemerkst. Erlenzeisige, Bergfinken oder andere Durchzügler und Wintergäste können einen bekannten Futterplatz entdecken.
Genau das macht die Sache spannend: Du weißt nie ganz genau, wer als Nächstes auftaucht.
Der Baumstumpf als natürliche Bühne
Der alte Baumstumpf sollte nicht einfach nur als Ablage für Futter dienen.
Er kann Teil der Bildgestaltung werden.
Moos, Flechten, alte Rinde oder kleine Unebenheiten geben den Bildern Struktur. Wenn etwas Schnee darauf liegt oder Raureif die Oberfläche bedeckt, entsteht sofort Winterstimmung.
Du kannst zusätzlich einzelne natürliche Äste in der Nähe anbieten, die als Zwischenansitz dienen.
Viele Vögel fliegen nicht direkt auf das Futter. Sie setzen sich zunächst auf einen Zweig, beobachten die Umgebung und wechseln dann zum Baumstumpf.
Genau dort entstehen oft die schöneren Bilder. Das eigentliche Futter muss auf dem Foto überhaupt nicht sichtbar sein.
Blaumeise
Canon R7, Sigma Sports 60-600 mm, f/6,3, 1/800 s, ISO 1.250
Futter möglichst gezielt platzieren
Für die Fotografie lohnt es sich, das Futter so zu platzieren, dass Du die gewünschten Stellen kontrollieren kannst.
Wenn Du Körner großflächig verteilst, sitzen die Vögel überall.
Besser ist eine kleine, gezielte Futterstelle. So kannst Du beeinflussen, wo die Vögel landen und welchen Hintergrund Du bekommst.
Sonnenblumenkerne eignen sich gut für viele typische Waldvögel. Fettfutter oder Nüsse können das Angebot ergänzen.
Achte darauf, dass das Futter nicht dauerhaft feucht wird und regelmäßig erneuert wird.
Gerade bei einem intensiv genutzten Futterplatz ist Hygiene wichtig. Verdorbenes oder verschmutztes Futter gehört entfernt, und der Bereich sollte gelegentlich gereinigt werden.
Die besten Bilder entstehen oft neben dem Futter
Wenn Du den Platz eine Weile beobachtest, wirst Du schnell feststellen, dass nicht unbedingt der Vogel am Futter das beste Motiv ist.
Spannender sind häufig die Sekunden davor.
Eine Meise landet auf einem bemoosten Ast. Ein Kleiber klettert seitlich am Stamm hinunter. Ein Buntspecht wartet einige Augenblicke am Baum. Ein Gimpel sitzt ruhig im Hintergrund, bevor er sich nähert. Diese kurzen Zwischenstopps wirken viel natürlicher.
Beobachte deshalb die Flugwege.
Welche Äste werden immer wieder genutzt?
Von welcher Seite kommen die Vögel?
Wo warten sie, wenn bereits ein anderer Vogel am Futterplatz sitzt?
Wenn Du diese Abläufe kennst, kannst Du Deine Kamera bereits auf den richtigen Bereich ausrichten.
Buntspecht
Canon R7, Sigma Sports 60-600 mm, f/6,3, 1/1.500 s, ISO 1.600
Die Perspektive aus dem Auto
Dass Du aus dem Auto fast auf Augenhöhe fotografieren kannst, ist einer der größten Vorteile des beschriebenen Standortes.
Bei kleinen Singvögeln macht die Kamerahöhe enorm viel aus.
Fotografierst Du deutlich von oben, wirkt der Vogel schnell klein und der Boden dominiert den Hintergrund.
Auf Augenhöhe wird der Vogel präsenter. Der Hintergrund liegt weiter entfernt und verschwimmt stärker.
Gerade bei einem Baumstumpf kannst Du dadurch Bilder erzeugen, bei denen der Vogel groß im Bild steht und trotzdem etwas vom natürlichen Umfeld sichtbar bleibt.
Wenn Schnee liegt, kannst Du zusätzlich mit weichen Vordergründen arbeiten. Eine unscharfe Schneefläche vor dem Baumstumpf wirkt häufig sehr ruhig.
Technik am Winterfutterplatz
Da die Vögel relativ nah und teilweise sehr schnell sind, solltest Du die Verschlusszeit nicht zu knapp wählen.
Für sitzende Meisen und Finken sind etwa 1/800 bis 1/1250 Sekunde ein guter Ausgangspunkt.
Wenn Du Starts, Landungen oder kleine Flugsequenzen fotografieren möchtest, sind 1/2000 Sekunde oder kürzer sinnvoll.
Die ISO darf dabei ruhig steigen.
Im Wald ist es im Winter oft dunkler, als man denkt. Ein lichtstarkes 600 mm f/4 hilft natürlich, aber auch mit f/6,3 oder f/7,1 lassen sich sehr gute Ergebnisse erzielen. ISO 1600 oder ISO 3200 sind hier nichts Außergewöhnliches.
Eine praktische Einstellung ist die manuelle Belichtungssteuerung mit Auto-ISO. Du bestimmst Verschlusszeit und Blende und lässt die Kamera die ISO an das wechselnde Licht anpassen.
Winterlicht nutzen
Gerade im Wald kann tief stehendes Winterlicht sehr schön sein.
Wenn einzelne Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen hindurchfallen, entstehen kleine Lichtbereiche. Sitzt der Vogel genau dort, hebt er sich hervorragend vom dunkleren Hintergrund ab.
Auch bedecktes Wetter funktioniert sehr gut. Das Licht ist weich und gleichmäßig, wodurch sich Gefiederstrukturen schön darstellen lassen.
Schnee bringt zusätzliche Helligkeit in die Szene und reflektiert Licht von unten.
Achte bei Schnee allerdings auf die Belichtung. Die Kamera neigt dazu, große helle Flächen zu dunkel wiederzugeben.
Stuckente (Erpel) von einer Brücke aus
Canon R7, Canon RF 200-800 mm @672 mm, f/9, 1/1.250 s, ISO 6.400
Flugaufnahmen direkt am Futterplatz
Ein eingespielter Futterplatz bietet außerdem gute Möglichkeiten für Flugaufnahmen.
Du kennst die Richtung, aus der viele Vögel anfliegen, und weißt ungefähr, wo sie landen.
Das macht die Flugfotografie etwas berechenbarer.
Bei Meisen ist die Herausforderung trotzdem groß. Sie sind klein und schnell.
Mit 1/2500 oder 1/3200 Sekunde, Serienbild und kontinuierlichem Autofokus kannst Du versuchen, Starts und Landungen einzufrieren.
Auch hier gilt: Der Ausschuss ist hoch.
Aber ein Bild einer Blaumeise mit geöffneten Flügeln direkt über einem verschneiten Baumstumpf kann den Aufwand wert sein.
Geduld bleibt trotzdem wichtig
Ein gut eingerichteter Futterplatz verkürzt die Wartezeit deutlich. Er ersetzt aber nicht die Geduld.
Manchmal kommen viele Vögel gleichzeitig. Dann ist plötzlich so viel los, dass Du kaum weißt, wohin Du die Kamera richten sollst.
Eine halbe Stunde später kann der Platz leer sein.
Vielleicht sitzt ein Sperber in der Nähe. Vielleicht hat ein Spaziergänger die Vögel kurz vertrieben. Vielleicht sind sie einfach gerade woanders unterwegs.
Genau diese Veränderungen machen auch einen bekannten Futterplatz interessant.
Fazit
Ein regelmäßig versorgter Futterplatz im Wald kann im Winter zu einem hervorragenden Fotostandort werden.
Ein alter Baumstumpf in der Nähe eines Parkplatzes ist dabei besonders praktisch: natürliche Optik, kurze Wege zur Ausrüstung und eine Kameraposition fast auf Augenhöhe.
Das Auto dient gleichzeitig als Tarnung, Wetterschutz und komfortabler Ansitz. Selbst schwere Objektive wie ein 600 mm f/4 lassen sich mit Fensterstativ, Bohnensack oder einer anderen stabilen Auflage bequem über längere Zeit einsetzen.
Entscheidend ist aber die Regelmäßigkeit. Der Futterplatz sollte nicht nur dann gefüllt werden, wenn Du fotografieren möchtest. Wenn die Vögel wissen, dass dort zuverlässig Nahrung vorhanden ist, entwickelt sich der Standort zu einem festen Treffpunkt.
Und genau dann wird es für Dich als Fotograf interessant: Du kommst an, richtest die Kamera ein – und musst häufig nicht lange warten, bis die ersten Wintergäste auf dem alten Baumstumpf landen.
Text & Fotos: Jörn Gebhardt
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