Makroaufnahmen von Wespen unter kontrollierten Bedingungen

Wespen im Sommer zu fotografieren ist gar nicht so schwierig. Etwas Nahrung auf dem Terrassentisch und schon sind die ersten Fotomodelle da. Am besten eignet sich dazu Hähnchenbrust (gekocht oder gebraten) und gleich daneben etwas Marmelade. Dann heißt es, wie so oft in der Naturfotografie, abwarten. Wenn eine Wespe da war und die ersten Stücke in Richtung Nest getragen hat, dauert es meist nur 10 Minuten und der Tisch ist voll von Artgenossen.
Jetzt hat man die Qual der Wahl, welche von den Wespen das Fotomodell sein soll. Je nach Objektiv (Makroobjektiv, Lupenobjektiv, Normalobjektiv mit Zwischenringen oder Retroadapter) ist der Ausschnitt und vor allem der Abstand zum Motiv mehr oder weniger gering.
Das ist oft ein Problem, denn bei zum Beispiel Lupenobjektiven oder auch dem Retroadapter beträgt der Abstand nur wenige Zentimeter und das Objektiv wirft dann einen Schatten auf das Motiv. Abhilfe schaffen da Aufheller (siehe Fotos „Making of“). Da ja die Fotos unter halbwegs kontrollierten Bedingungen im Freien stattfinden, kann man die Aufheller im Vorfeld sehr gut positionieren und vor dem Ankommen der Motive einige Testfotos machen. So lässt Sich das Licht eventuell noch korrigieren.

In diesem Fall diente das Wespenshooting einem Test verschiedener Möglichkeiten in den Makrobereich von über 1:1 vorzudringen. Zum Einsatz kamen ein Standard Makrobjektiv mit langer Brennweite (um einen entsprechenden Abstand zu gewährleisten), in diesem Fall das Sigma 2,8 / 150 mm mit einem Abbildungsmaßstab von 1:1.
Wer kein Makroobjektiv besitzt, kann sich sehr gut mit einer Normalbrennweite von 50 mm und Zwischenringen behelfen, z.B. ein 1,8 / 50 mm II Original Canon Objektiv und verschiedene Zwischenringe von 8 – 30 mm.
Wer etwas mehr Geld ausgeben möchte und einen Makrobereich von mindestens 4:1 erreichen möchte, braucht ein spezielles Lupenobjektiv. In diesem Shooting kam das nagelneue (Juli 2018) Zhongyi Mitakon 2,0 / 20 mm zum Einsatz.

Eine günstigere Alternative mit deutlich unter 100 Euro ist ein Retro-Adapter. Mit diesem Retro-Adapter wird das Objektiv quasi verkehrt herum auf die Kamera gesetzt, dadurch steigert sich die Vergrößerung auf bis zu 3:1, je nach eingesetzter Brennweite. Die AF Funktionen und Blendenübertragungen bleiben bei diesem Adapter von Meike erhalten, wobei der Autofokus nur sehr leidlich funktioniert. Aber dazu später mehr. Für den Retroadapter wurden das Sigma Art 1,8/18-35 mm und ein älteres Canon 17-85 mit Imagestabilisierung eingesetzt. Selbst an einer Vollformat fuktionieren die Beiden Objektive in Retrostellung einwandfrei und leuchten das gesamte Bildfeld aus. Die Lichtstärke ist nicht so entscheidend, da auf mindestens 5,6 – 8,0 abgeblendet werden sollte, um wenigstens ein paar Millimeter Tiefenschärfe zu erreichen.

Also man stelle sich vor es ist ein warmer Sommertag und die Sonne scheint (was im Sommer 2018 ja keine Seltenheit war). Alles ist soweit vorbereitet, die Kamera auf Stativ ist aufgebaut, die Hähnchenbrust liegt gut positioniert, die Marmelade gleich daneben und für den Durst zwischendurch noch ein Untersetzer mit Steinen und Wasser gefüllt (WICHTIG! Unbedingt Steine reinlegen damit die Wespen nicht ertrinken!)
Dann heißt es warten. Bei mir hat es keine 20 Minuten gedauert bevor sich 10-20 Wespen sich über die Hühnerbrust hergemacht haben. Allerdings wusste ich vorher das in unmittelbarer Umgebung mindestens 3 Wespennester existieren.
Für die paar Scheiben Hühnerbrust brauchten die Dutzenden von Wespen mehrere Stunden zum Zerlegen und ins Nest tragen. Von daher hatte ich alle Zeit der Welt viele verschiedene Makroobjetive und Motiv Varianten in Ruhe zu testen und auszuprobieren.

Durch den Aufheller war das Licht perfekt, egal wie nah ich am Motiv war. Ganz nebenbei, Ihr braucht keine Angst zu haben dass Euch die Wespen stechen. Ich hatte beim Fokussieren mit einem Abstand von 1-2 cm oft genug auch mal eine Wespe auf meiner Hand sitzen. Wenn man sich nicht hektisch bewegt, fliegt sie auch von alleine wieder weg. Da ich dieses Shooting an mehreren Tagen wiederholte, habe ich bestimmt insgesamt viele hundert Wespen kennengelernt, gestochen hat mich davon übrigens keine einzige, trotz eines Abstandes von manchmal unter 1 cm!

Ein ausführliches Fazit für extreme Makrofotografie in der Wildlife Fotografie folgt demnächst in einem separatem Artikel mit vielen anderen Motiven, wie z.B. Schmetterlingen und Käfern.
Unter kontrollierten Bedingungen hat in diesem Fall das Lupenobjektiv und der Retroadapter ganz klare Vorteile. Extreme Abbildungen von mindestens 3:1 sind ohne Probleme möglich, auch wenn die Motive sich bewegen. Natürlich gehört dazu wie immer eine gehörige Portion Geduld und einiges an Ausschuss. Das Zhongyi Lupenobjetiv ist mit gut 200 Euro auch deutlich günstiger als das original Canon MP-E 65mm, wenn man das Canon denn überhaupt irgendwo erwerben kann. Dafür ist die Abbildungsleistung etwas schlechter. Alle Bilder sind recht weich und kontrastarm, trotz Abblenden auf 5,6. Aber bei der Nachbearbeitung der RAW Daten ist dies zum größten Teil sehr gut zu beheben.

Das Fazit der Storie:
Dieses kleine Experiment hat gezeigt, dass es gar nicht so einfach ist extreme Makroaufnahmen von deutlich größer als einem Abbildungsmaßstab von 1:1 zu erzielen, wenn man wirklich „Wildlife“ fotografiert. Statische Motive oder tote Insekten bei denen man ganz bequem mit Fokus-Stacking und künstlichem Licht arbeiten kann, gelingen da deutlich einfacher. Aber wie wir ja alle wissen, haben ernsthafte Naturfotografen einen Ehrenkodex und würden niemals ein Insekt in den Kühlschrank legen, nur damit es ein paar Minuten ruhig bleibt. Allein der Gedanke ist schrecklich. Nur wegen Faulheit und schnellem Erfolg Tiere quälen kommt also schon mal nicht in Frage.
Mein bisheriger Favorit in der Extrem Makro Wildlife Fotografie ist bisher der Retroadapter angeschlossem an einem Zoom Objektiv. Der große Vorteil ist,  dass der Bildauschnitt ganz einfach durch Zoomen geändert werden kann ohne die Kamera mit Stativ bewegen zu müssen. Gerade in hektischen Situationen hat sich dies als sehr großer Vorteil gegenüber allen anderen Varianten erwiesen.

Benutzte Ausrüstung:
Canon DSLR (Vollformat und APS-C Sensor)
Sigma 2,8 / 150 mm Makro (AF)
Canon 17-85 mm mit Retroadapter (AF)
Sigma 1,8/18-35 mm mit Retroadapter (AF)
Canon 50 mm mit Zwischenringen (AF)
Lupenobjektiv Zhongyi Mitakon 20 mm f/2,0 (Manuell)

Alle Aufnahmen mit ISO 200 – 1.600
Stativ, Aufheller

Fotograf & Copyright: Jörn Gebhardt
www.joerngebhardt.de
Facebookseite

Kontakt